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###SLIDER###

Vor kurzem habe ich in meinen Ferien in Rom einen Schmuckverkäufer aus Peru kennen gelernt. Er war gerade dabei, seine Kunstwerke am Strassenrand auszubreiten, als ich ihm über den Weg lief.

Das Wetter war schön und obwohl es erst Vormittag war, waren schon viele Menschen unterwegs. Eigentlich wollte auch ich mir nur ein bisschen die Beine vertreten und durch die Gassen Roms schlendern. Doch ich kam nicht wirklich weit.

«Hallo, wie geht es dir? Woher kommst du?» Es dauert nicht lange und schon bin ich in ein Gespräch verwickelt. Er redet Spanisch mit mir. Ich antworte auf Italienisch und Englisch, da ich kein Wort Spanisch spreche. Der Schmuck, den er verkauft, ist sehr schön, speziell. Nach der Art der Inkas, wie er selbst beteuert. Und: «Tutto fatto male». Zuerst verstehe ich nicht. Was ist schlecht? Ach so, mano! Alles von Hand gemacht! Ich helfe dabei, den Schmuck auf dem etwas improvisierten Marktstand auszubreiten und ehe ich mich versehe, sitze ich neben ihm auf einer leeren Kiste und werde darin unterrichtet, eine Art Draht zu Schmuck zu verarbeiten. Tutto è fatto a mano!

Ich biege und biege und versuche mit grosser Mühe den Draht in Form zu bringen. Bei Julio* hingegen geht es ganz schnell. Scheinbar mühelos stellt er innerhalb von zehn Minuten ein Armband her. «Es ist schwierig», sage ich. Er nickt und zeigt mir seine Hände. Sie sind mit kleinen Narben übersät und eine grosse Blase ziert seine rechte Handfläche. Als er mit dem Schmuckmachen angefangen hat, habe er sich oft geschnitten. Wie lange er es schon mache? «Etwas mehr als zehn Jahre.» In Peru habe er auch schon als Trekking-Guide gearbeitet. Heute reist er durch ganz Europa, von Festival zu Festival, um seinen Schmuck an den Mann oder vielmehr an die Frau zu bringen. Die nächste Station wird Barcelona sein. Und dann im Herbst wieder zurück nach Peru. Ich versuche mir sein Leben vorzustellen. Ein Leben voller Freiheit und Abenteuer. Ein Leben zwischen den Welten. Ein Leben ohne festen Wohnsitz, völlige Unabhängigkeit. Aber auch ein Leben voller Ungewissheit und Entbehrungen! Wie es wohl ist, sein Leben so zu verbringen? Wie er wohl das Geld aufbringt, um zu reisen? Ob er seine Familie in Peru unterstützen muss und kann? Auf jeden Fall sieht er glücklich aus. Er lacht viel und redet auf mich ein, obwohl ich oft im wahrsten Sinne des Wortes nur Spanisch verstehe.

Währendem ich so da sitze und versuche mit einer Zange eine Spirale aus Draht zu formen, schweifen meine Gedanken immer wieder ab. Um mich herum verkaufen die anderen Strassenhändler ihre Waren. Sie scheinen gut vernetzt zu sein. Fast alle an diesem Teil der Strasse sprechen Spanisch. Sie lachen zusammen und helfen sich gegenseitig aus. Ich fühle mich wohl. «An was denkst du?» «Ach, eigentlich schaue ich nur den vorbeischlendernden Menschen zu», antworte ich. Und versuche mir vorzustellen, was diese wohl über mich denken. Die meisten erwidern mein Lächeln. Manche drehen den Kopf weg. Ich werde ein paar Mal gefragt, wie teuer diese oder jene Kette ist. Ich weiss es nicht und muss mich jedes Mal an Julio wenden. Für viele sind seine Preise zu hoch. Trotzdem, so finde ich, kann er recht viel verkaufen. Ich glaube heute ist ein guter Tag. Ich wünsche es ihm zumindest. Schliesslich ist tutto fatto a mano!

Es ist seltsam wie sich die Sichtweise ändert, abhängig davon auf welcher Seite des Verkaufstandes man steht. Normalerweise würde auch ich als Passant einfach weitergehen ohne etwas zu kaufen. Doch nun versuche ich dabei behilflich zu sein, möglichst viel zu verkaufen. Ihm selbst scheint es nicht allzu wichtig zu sein, obwohl er seinen Schmuck feil bietet. Er scheint die Zeit zu geniessen. Stellt Schmuck her, spricht mit den Leuten, spielt auf seiner Panflöte und versucht mir sein Handwerk beizubringen. Er teilt sein Essen mit mir und schenkt mir Schmuck. Als ich von meinem schlechten Gewissen getrieben protestiere, erklärt er mir, dass ihm Geld nicht wichtig sei. Er brauche es zwar, um essen zu können und um zu reisen, doch das ist dann auch schon alles! Viel wichtiger ist es zu teilen, «compartir». Er spricht von «energia» und «el corazòn», dem Herzen, und legt seine Hand dabei auf seinen Brustkorb. Zu meiner Erleichterung willigt er aber ein, dass ich ihm ein Trinkgeld für das Armband gebe, das er für mich herstellt. Tutto è fatto a mano!

Am Ende des Tages habe ich einen Schlüsselanhänger und ein Buchzeichen selbst gemacht. Dazu noch ein weiteres Buchzeichen, einen Ring und eine Fusskette geschenkt bekommen und ihm ein Armband abgekauft. Er hat sein Essen mit mir geteilt, mich geduldig unterrichtet, mich unterhalten und zum Lachen gebracht. Ich hoffe, dass meine Gesellschaft, der Respekt ihm gegenüber, das Interesse an seinem Leben und meine Mithilfe am Stand ausreichen, um ihm für seine Gastfreundschaft zu danken! Ich empfinde grosse Bewunderung für seine Lebensfreude und die Art und Weise wie er sein Leben meistert.

Um acht Uhr am Abend verabschiede ich mich von ihm und schaffe es gerade noch ins Hostel, bevor es zu regnen beginnt. Sein Tag wird noch bis um Mitternacht andauern. Für mich war es eine spannende Reise in eine andere, faszinierende Welt. Doch bereits am anderen Morgen muss ich mich wieder von Rom verabschieden und fahre zurück in mein finanziell abgesichertes Leben in der Schweiz. Ich trage nicht nur seinen Schmuck mit nach Hause, sondern auch Dankbarkeit für diese Begegnung in meinem Herzen. Tutto è fatto a mano e viene dal cuore!

*Name geändert



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