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«Die spinnen, die Schweizer!»

Anna Bachofner | 17.07.2014

Über syrische Bomben und Kanonen in der Schweiz

Vor kurzer Zeit fand in Aarau der alljährliche Maienzug statt. Dieses Kinder- und Jugendfest am ersten Freitag im Juli läutet die Sommerferien ein. Am Abend vorher, dem sogenannten Maienzugvorabend, herrscht Partystimmung mit vielen Essensständen, Alkohol und Musik auf den Strassen. Zudem werden, was ich bis anhin nicht wusste, obwohl ich vier Jahre lang in Aarau das Gymnasium besucht habe, am Maienzugvorabend um halb sieben Kanonenschüsse abgefeuert. Und dies nicht nur ein Mal. Nein, gleich dreiundzwanzig Mal, für jeden Kanton ein Mal. Das alles klingt sehr aufregend und ist sicherlich auch ein Schauspiel für Gross und Klein. Doch damit sieht es ganz anders aus, wenn man sich, wie ich dieses Jahr, mit Menschen aus Kriegsgebieten wie Syrien, in einem Raum gerade oberhalb der verwendeten Kanonen befindet!

Seit letztem Herbst unterrichte ich einmal pro Woche Deutsch für Asylsuchende in Aarau. So auch an jenem Donnerstagabend. Ich war gerade fertig damit, die Prüfung, welche meine Schüler an diesem Tag geschrieben hatten, einzuziehen, als direkt unter unserem Fenster Kanonenschüsse erklangen. Aufgeregt rannten alle ans Fenster, um zu sehen, was da genau unter uns passierte. Die Schüsse waren sehr laut. Eine Frau aus Syrien hielt sich die Ohren zu, schloss die Augen und öffnete ihren Mund dabei. Bei jedem Schuss zuckte sie zusammen. «Wie in Syrien», sagte sie.

Wenig später, als ich näher ans Fenster trat, um herauszufinden wie lange wohl dieses Spektakel noch andauern würde, rief dieselbe Frau plötzlich: «Anna, kommen Sie weg vom Fenster! Ich möchte nicht, dass Sie verletzt werden!» In ihren Augen blitzte grosse Angst auf. Also setzte ich mich mit ihr hin und hielt ihre Hände fest in meinen. Sie hätte das Krachen von Bomben in ihrer Heimat schon zu oft gehört: Zu viele Tote und zu viele Verletzte! Darunter zu viele Kinder! Blut! Häuser, die einstürzten! «Ich weiss», sagte ich voller Mitgefühl. Und wusste gleichzeitig, dass ich nichts weiss. Ich kenne die Situation in Syrien höchstens aus Zeitungsberichten. Ich kann nur erahnen, was diese Frau und ihre Familie alles in ihrer Heimat erlebt hatten und was sie auf sich nehmen mussten, um sich in Sicherheit zu bringen. Nein, ich weiss nichts davon! Ich kenne ihre Ängste nicht. Ich weiss nur aus eigener Erfahrung, wie schrecklich es sein kann, von seiner Vergangenheit und alten Verletzungen eingeholt zu werden. Doch als ich so mit ihr dasass, ihre Hände immer noch in meinen, wurden ihre Ängste plötzlich auch zu meinen! Eine unbändige Wut fing an, mich auszufüllen und sich in meinem Bauch auszubreiten. Vor mir sass schliesslich eine Frau, die ihre Heimat in der Hoffnung, Sicherheit zu finden, verlassen hatte. Sie hatte es bis in die Schweiz geschafft. Ein Land, in dem seit Jahrzehnten Frieden herrscht und ein Land, welches sich mit seiner humanitären Tradition bei jeder gegebenen Gelegenheit brüstet. Doch nun wurden ihre Bemühungen, Deutsch zu lernen und sich in diesem für sie fremden Land zurechtzufinden, durch Kanonengetöse belohnt. In diesem Moment wurde sie in die Schrecken des Bürgerkrieges zurückgeworfen, aus dem sie eigentlich fliehen wollte. Sie wurde an die traumatischen Erlebnisse erinnert, die sie sicherlich am liebsten vergessen würde.

Und es ging wahrscheinlich nicht nur ihr so. Ihr Mann kümmerte sich während des Knallens liebevoll um ihre beiden Söhne. Was er dabei fühlte, konnte ich nicht herausfinden. Ein anderer Mann aus Syrien setzte sich nach einer Weile wieder an seinen Platz und starrte wortlos vor sich hin, nur um wenige Minuten später wieder aufzustehen und zum Fenster zurückzukommen. Nur die Tibeterinnen im Raum schienen die Kanonenschüsse nicht gross zu stören. Sie schauten interessiert zu.

Als das Ganze endlich vorbei war, fragte ich besorgt in die Runde, wie es gehe und endschuldigte mich für die Unruhe. Ich versuchte zu erklären, was da draussen gerade geschehen war. Ich sprach von einem Fest, einer Party: deshalb die Kanonen. Die syrische Frau, der ich kurz zuvor noch die Hand gehalten hatte, schaute mich ungläubig an und sagte: «Bomben (und Kanonen) sind nicht gut!» Ich schrieb den Satz gross ans Whiteboard. Eine andere Frau sagte, Bomben seien nicht gut für die Ohren. Auch das schrieb ich auf. Ich hätte noch ergänzen können, dass Bomben Angst machen, zerstören und töten. Doch ich schrieb nichts mehr. Bevor ich aber mit dem Unterricht weiterzufahren versuchte, tippte ich mit dem Zeigefinger gegen meine Stirn und sagte einen Satz, den wohl die Wenigsten verstanden, in diesem Moment wahrscheinlich aber den Meisten aus dem Herzen sprach: «Die spinnen, die Schweizer!» 

Quellen zum Maienzug:

http://www.aarauinfo.ch/05_geschichte_zukunft/02_brauchtum/maienzug.php

http://www.aargauerzeitung.ch/aargau/aarau/ab-in-den-aarauer-maienzug-vorabend-das-pflichtenheft-128146283



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